Warum Werte eine hohe Relevanz für Unternehmerfamilien haben.
Unternehmerfamilien scheitern bei der Regelung der Nachfolge selten an fehlendem Wissen oder mangelnder Kompetenz. Häufiger fehlt es jedoch an einem gemeinsamen Verständnis darüber, wofür man als Familie und als Eigentümergemeinschaft steht.
Dieses gemeinsame Verständnis ist jedoch essentiell, um mit dem Spannungsfeld zurechtzukommen, das in dieser Form nur in Familienunternehmen existiert: Familie, Inhaberschaft und Unternehmen sind untrennbar miteinander verbunden. Entscheidungen sind selten rein wirtschaftlich. Sie sind immer auch persönlich, emotional und generationenübergreifend.
Werte einer Unternehmerfamilie sind entscheidend
Für das Gelingen einer Nachfolge ist es daher entscheidend, dass eine Unternehmerfamilie auf ein gemeinsames Verständnis zurückgreifen kann, um in der Gemengelage von familiären und unternehmerischen Interessen zukunftssichernde Entscheidungen treffen zu können.
Einem gemeinsamen Verständnis liegen gemeinsam gelebte Werte zugrunde. Klingt einfach, ist es aber nicht. Die Krux ist, dass Werte innerhalb einer Familie oft als selbstverständlich und feststehend betrachtet werden und deshalb nur selten hinterfragt oder gemeinsam überarbeitet werden.
Werte einer Unternehmerfamilie wirken sowohl als Leitplanken für den gemeinsamen Umgang miteinander als auch für das unternehmerische Handeln. So zeigt sich der Wert „Sicherheit“ beispielsweise wie folgt im unternehmerischen Wirken:
- In der Risikobereitschaft,
- in der Investitionslogik,
- im Umgang mit Konflikten,
- im Verständnis von Führung,
- in der Definition von unternehmerischem Erfolg.
Werte: selbstverständlich – aber selten geklärt
Wenn ich Unternehmerfamilien bitte, ihre zentralen Werte zu benennen, kommen die Antworten meistens schnell: Begriffe wie Verbindlichkeit, Vertrauen, Loyalität, Verantwortung, Sicherheit oder Zusammenhalt gehören zum festen Bestandteil vieler Leitbilder von Unternehmerfamilien.
Auf den ersten Blick entsteht dadurch der Eindruck großer Einigkeit. Doch Einigkeit in der Begriffswahl ist nicht gleichbedeutend mit Einigkeit im Verständnis. Erst wenn ich beispielsweise beim Wert „Loyalität“ nachfrage, was Loyalität für die Familienmitglieder im unternehmerischen Kontext konkret bedeutet, wird deutlich, wie unterschiedlich die Interpretationen sein können.
Wertekonflikt aus der Praxis: Loyalität im Gesellschafterkreis
Ein Praxisbeispiel:
In einer Unternehmerfamilie besteht der Gesellschafterkreis aus vier Geschwistern. Zwei arbeiten operativ im Unternehmen, zwei sind ausschließlich als Eigentümer beteiligt. Im Zuge einer strategischen Weichenstellung, nämlich den möglichen Verkauf eines nicht mehr rentablen Geschäftsbereichs, entsteht Uneinigkeit.
Die operativ tätigen Geschwister argumentieren für einen klaren Schnitt. Der Bereich würde Kapital, Managementaufmerksamkeit binden und seit Jahren keine zufriedenstellende Rendite bringen. Aus ihrer Sicht ist die Entscheidung wirtschaftlich zwingend.
Die nicht-operativen Gesellschafter sind hingegen skeptisch. Der Geschäftsbereich sei historisch eng mit dem Familiennamen verbunden. Er sei Teil der Identität des Unternehmens und der Familie. Im Verlauf der Diskussion fällt mehrfach der Satz: „Wir müssen als Gesellschafter loyal zueinander stehen.“
Was bedeutet Loyalität in diesem Kontext?
Für die eine Seite heißt Loyalität:
Geschlossen auftreten, keine kontroversen Debatten nach außen tragen, Einigkeit wahren, auch wenn nicht alle Details überzeugen.
Für die andere Seite bedeutet Loyalität:
Verantwortung gegenüber dem Gesamtunternehmen übernehmen, unbequeme Wahrheiten aussprechen und im Zweifel Mehrheitsentscheidungen akzeptieren.
Die Situation spitzt sich zu, als ein Gesellschafter intern sagt: „Ich fühle mich überstimmt, das ist nicht loyal.“ Hier wird deutlich: Loyalität wurde mit Zustimmung gleichgesetzt.
Die Auflösung des Konflikts im moderierten Prozess
Im Gesellschafterkreis hat Loyalität eine besondere Dimension. Sie betrifft nicht nur persönliche Bindung, sondern auch die Rolle als Eigentümergemeinschaft.
Typische Spannungsfelder sind:
- Loyalität zur Familie versus Loyalität zum Unternehmen
- Loyalität zu individuellen Interessen versus Loyalität zur gemeinsamen Strategie
- Loyalität als Einigkeit versus Loyalität als konstruktive Auseinandersetzung
In diesem konkreten Fall wurde der Konflikt erst lösbar, als die Familie eine zentrale Frage klärte: Ist Loyalität im Gesellschafterkreis gleichbedeutend mit Harmonie und Einstimmigkeit, oder bedeutet sie, unterschiedliche Positionen auszuhalten und dennoch gemeinsam handlungsfähig zu bleiben?
In einem moderierten Workshop wurde der Wert Loyalität neu definiert.
Die Familie formulierte für sich: Loyalität bedeutet,
- die Interessen des Gesamtunternehmens über Einzelinteressen zu stellen,
- Entscheidungen nach klaren Regeln zu treffen,
- Mehrheitsentscheidungen zu respektieren
- und nach außen geschlossen aufzutreten – auch wenn intern intensiv diskutiert wurde.
Dieses gemeinsame Verständnis des Wertes Loyalität entlastete den Gesellschafterkreis spürbar. Nicht, weil plötzlich alle derselben Meinung waren, sondern weil klar war, was Loyalität im Eigentümerkontext konkret bedeutet.
Was dieses Beispiel zeigt
Werteklärung bedeutet nicht, Unterschiede aufzulösen. Sie bedeutet, die unterschiedlichen Wertperspektiven sichtbar zu machen und einen gemeinsamen Orientierungsrahmen zu entwickeln. Ohne diese Klärung werden Meinungsverschiedenheiten ansonsten schnell emotional aufgeladen. Im Gesellschafterkreis aus dem Praxisbeispiel wurde in diesem Zusammenhang herausgearbeitet, dass Loyalität kein Gefühl, sondern ein Wert ist, der wie alle Werte als Leitplanke für unternehmerische Entscheidungen dienen soll. Dafür brauchte dieser Wert eine Definition, auf den sich alle Beteiligten verständigen konnten.
Warum Wertekonflikte in der Unternehmensnachfolge besonders sichtbar werden
In der Unternehmensnachfolge treffen unterschiedliche Erfahrungsräume aufeinander.
Die Seniorgeneration ist häufig geprägt von Aufbau, Konsolidierung und Stabilisierung. Sie hat Krisen durchlebt, Verantwortung getragen, Arbeitsplätze gesichert und das Unternehmen über Jahrzehnte geformt.
Die Nachfolgegeneration wächst dagegen in einer anderen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realität auf. Globalisierung, Digitalisierung, veränderte Führungsverständnisse und neue Erwartungen an Nachhaltigkeit und Transparenz prägen ihr Denken.
Diese unterschiedlichen Prägungen führen zu unterschiedlichen Prioritäten:
- Stabilität versus Dynamik
- Harmonie versus Diskurs
- Tradition versus Innovation
Diese Gegensätze sind kein Ausdruck von Gegnerschaft. Sie sind Ausdruck unterschiedlicher Wertelogiken:
Die Seniorgeneration verbindet Stabilität häufig mit Verantwortung. Risiken wurden in der Vergangenheit bewusst kalkuliert, um das Erreichte zu sichern. Dynamik wird daher nicht selten als potenzielle Gefährdung wahrgenommen.
Die Nachfolgegeneration hingegen erlebt Dynamik als notwendige Voraussetzung für Zukunftsfähigkeit. In ihren Augen ist nicht die Veränderung das Risiko, sondern das Verharren.
Ähnlich verhält es sich mit Harmonie und Diskurs. In vielen Unternehmerfamilien war Harmonie lange ein Garant für Zusammenhalt. Konflikte wurden moderat geführt oder vermieden, um das familiäre Gefüge nicht zu belasten. Jüngere Generationen sind hingegen häufig mit einer Kultur des Feedbacks, der offenen Diskussion und flacheren Hierarchien sozialisiert. Für sie ist konstruktiver Widerspruch kein Angriff, sondern Ausdruck von Professionalität.
Wenn diese Unterschiede nicht als wertbezogene Perspektiven erkannt werden, werden sie schnell personalisiert:
- Aus „Du denkst sehr riskant“ wird „Du verstehst das Unternehmen nicht“.
- Aus „Du agierst sehr vorsichtig“ wird „Du blockierst die Zukunft“.
In solchen Momenten verschiebt sich die Diskussion von der Sachebene auf die Beziehungsebene. Argumente werden als Angriffe erlebt, Rückfragen als Infragestellung der Lebensleistung.
Ein Nachfolgeprozess ohne explizite Werteklärung bleibt daher strukturell fragil. Konflikte verlagern sich auf persönliche Ebenen, obwohl sie in Wahrheit normative Grundlagen betreffen. Ohne diese Klärung bleibt eine Nachfolge zwar formal geregelt, aber innerlich nicht von allen mitgetragen.
Erst wenn im Rahmen einer Nachfolgeregelung anhand eines gemeinsamen Verständnisses klar ist,
- welches Risiko die Familie als verantwortbar definiert,
- welche Form des Diskurses als respektvoll gilt,
- welche Elemente der Tradition unverzichtbar sind und wo Innovation erwünscht ist,
kann ein tragfähiger Generationenübergang entstehen.
Nachfolge ist deshalb nicht nur ein rechtlicher oder organisatorischer Prozess. Sie ist ein wertebezogener Aushandlungsprozess.
Werte sind dynamisch
Ein häufiger Einwand, den ich bei der Wertearbeit höre, lautet: „Unsere Werte gelten seit Generationen.“ Das mag zutreffen. Doch entgegen der häufigen Annahme verändert sich die Interpretation von Werten im Laufe der Zeit.
Unternehmerfamilien, die diesen Wandel aktiv reflektieren, bleiben handlungsfähig. Familien, die an impliziten Annahmen festhalten, riskieren schleichende Konflikte.
Wertekonflikt aus der Praxis: Gesellschafterkreis eines Familienunternehmens
Die Unternehmerfamilie bekannte sich seit Jahrzehnten zum Wert „Sicherheit“. Dieser Wert hatte historisch eine klare Bedeutung: konservative Finanzierung, organisches Wachstum, solide Rücklagenbildung.
Im Zuge der Nachfolgeregelung stellte sich jedoch die Frage, ob Sicherheit im digitalen Zeitalter nicht anders definiert werden müsse. Für die jüngere Generation bedeutete Sicherheit nicht mehr primär Substanzerhalt, sondern Innovationsfähigkeit. Ihrer Auffassung nach war das größere Risiko, notwendige Transformation zu unterlassen.
Der Diskurs war nicht ökonomischer Natur, sondern ein generationsübergreifender Wertekonflikt. Er wurde durch eine gemeinsame Neu-Definition des Wertes Sicherheit aufgelöst.
Wertearbeit ist daher kein emotionales Begleitprogramm. Sie ist strategische Grundlagenarbeit, insbesondere im generationsübergreifenden Nachfolgeprozess.
Fazit: Werte in Unternehmerfamilien
Werte prägen die Kultur von Familienunternehmen – nach innen wie nach außen. Sie ersetzen nicht unternehmerische Entscheidungen, sondern definieren einen Rahmen, innerhalb dessen Entscheidungen legitim sind. Ein gemeinsames Wertesystem wirkt somit wie ein strategischer Kompass für Familie und Unternehmen.
Insbesondere in der Unternehmensnachfolge entscheidet sich anhand eines gemeinsamen Werteverständnisses, ob der Übergang von der Unternehmerfamilie tragfähig gestaltet und nicht nur formell geregelt wird. „Wir haben zum ersten Mal verstanden, warum wir uns eigentlich streiten.“ Dieses Zitat eines Unternehmers in einem Werte-Workshop zeigt: Ein gemeinsames Verständnis ist kein Nebeneffekt. Es ist Voraussetzung für nachhaltige Einigung.

Ratgeberbuch:
„Zu Ihrer Familie gehört ein Unternehmen? 49 Impulse für den erfolgreichen Generationswechsel“
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