Familienunternehmen haben das nachhaltige Wirtschaften seit jeher auf ihre Fahne geschrieben.  Sie denken in Generationen, nicht in Geschäftsjahren. Doch reicht es aus, nur aus Tradition auf Nachhaltigkeit zu setzen oder brauchen Familienunternehmen eine zeitgemäßere Nachhaltigkeitsstrategie?

Im Interview mit Dr. Meike Gebhard, Geschäftsführerin von Utopia.de, Deutschlands führendem Nachhaltigkeitsportal, und Expertin für unternehmerische Nachhaltigkeitsstrategien, diskutiere ich über die Relevanz von Nachhaltigkeit in Familienunternehmen.

Carola Jungwirth: Wie nimmst du den Umgang mit dem Thema Nachhaltigkeit in diesen Krisenzeiten wahr?

Meike Gebhard: Es ist anders als in der Vergangenheit. 2008 rutschte das Thema Nachhaltigkeit während der Finanzkrise aus dem Fokus der Öffentlichkeit. Jetzt zu Corona-Zeiten hat es kaum an Relevanz eingebüßt. Ganz im Gegenteil. Wir merken das an unseren Reichweitenzuwächsen und Rückmeldungen auf Utopia.de.

Carola Jungwirth: Neben dem Betreiben des Utopia-Online-Portals berätst du Unternehmen zum Thema Nachhaltigkeitsstrategie und -kommunikation. Was sind deine diesbezüglichen Erfahrungen mit Familienunternehmen?

Meike Gebhard: Viele Familienunternehmen agieren schon seit Jahrzehnten nachhaltig – ohne es zwingend so zu benennen. Der respektvolle Umgang mit Lieferanten, Mitarbeiter und Partnern, der schonende Umgang mit Ressourcen und der lokale Umweltschutz werden als selbstverständlicher Teil der unternehmerischen Verantwortung interpretiert und gelebt. Im Unterschied zu großen, kapitalmarktorientierten Unternehmen kommunizieren Familienunternehmen aber weniger über ihr Nachhaltigkeitsengagement und lassen damit Chancen, sich im Wettbewerb zu profilieren und Reputation aufzubauen, ungenutzt.

Carola Jungwirth: Hast Du eine Idee, woran das liegen könnte?

Meike Gebhard: Die Gründe sind vielschichtig. Zum einen ist Nachhaltigkeit für viele Unternehmer, wie gesagt, fast eine Selbstverständlichkeit. Zum anderen unterliegen kleinere, nicht kapitalmarktorientierte Unternehmen nicht der CR-Berichtspflicht, sind also nicht gezwungen, ein systematische Nachhaltigkeitsmanagement aufzusetzen und über wesentliche Kennzahlen zu berichten. In der Regel werden von einigen Mitarbeiter ausgewählte Projekte mit großem Engagement vorangetrieben. Es fehlt aber oft die strategische und die kommunikative Klammer. Daraus resultiert eine große Unsicherheit, worüber glaubwürdig kommuniziert werden kann. Um sich nicht dem Vorwurf des Greenwashings auszusetzen, unterbliebt dann die Kommunikation.

Carola Jungwirth: Woraus resultiert nach deiner Einschätzung das Nachhaltigkeitsbewusstsein in Familienunternehmen?

Meike Gebhard: Anders als große Unternehmen sind Familienunternehmen stärker auf Langfristigkeit ausgerichtet. Nachhaltigkeit bedeutet ja im Kern Dauerhaftigkeit und Zukunftsfähigkeit. Das ist nach meinem Verständnis das Wesen von Familienunternehmen. Vereinfacht gesprochen: Wer in seiner Region ein hoch respektierter Unternehmer sein will, verschmutzt eben nicht das lokale Gewässer.

Carola Jungwirth: Wo macht sich Nachhaltigkeit bei Familienunternehmen besonders bemerkbar? Gibt es einen Unterschied zu sonstigen Unternehmen?

Meike Gebhard: Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Insgesamt stelle ich fest, dass Familienunternehmen sich durch langfristige Beziehungen zu ihren Lieferanten und Partnern auszeichnen. Entsprechend registriere ich auch bei komplexen, globalen Lieferketten (z.B. in Textilbranche) einen verantwortungsvolleren Umgang mit Lieferanten. Die Achtung der Menschenrechte, die Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards genießen einen höheren Stellenwert als bei anderen Unternehmen.

Carola Jungwirth: In vielen Familienunternehmen stehen Generationswechsel auf der Führungsebene an. Die sogenannte NextGen ist bereit, das Steuer zu übernehmen. Wie nimmst du die Bedeutung des nachhaltigen Wirtschaften für die jüngere Generation wahr?

Meike Gebhard: Aus einschlägigen Studien wissen wir, dass sowohl für junge Konsumenten als auch für junge Unternehmer das Thema Nachhaltigkeit zunehmend an Bedeutung gewinnt. Konsumstile verändern sich – und mit Ihnen auch die Ansprüche an das eigene Arbeitsumfeld. Zudem wird immer mehr Unternehmen klar, dass langfristig an der Nachhaltigkeit wie an der Digitalisierung kein Weg vorbeiführen wird, weil sich Märkte verändern. Was manchmal noch zu fehlen scheint, ist eine Nachhaltigkeitsstrategie, die es den Familienunternehmen ermöglicht, noch flexibler auf die sich verändernden Nachhaltigkeitsentwicklungen reagieren zu können.

Carola Jungwirth: Wird durch die Corona-Krise die Entwicklung zu einem nachhaltigeren Wirtschaften beeinträchtigt?

Meike Gebhard: Durch die Corona-Krise und die zu erwartende Rezession wird das Thema Nachhaltigkeit auf der öffentlichen Agenda kurzfristig an Bedeutung verlieren, aber der grundsätzliche Trend in Richtung Nachhaltigkeit ist – auch angesichts der Herausforderungen der Klimakrise – unumkehrbar. Inzwischen mehren sich die politischen Stimmen auf Bundes- wie auf EU-Ebene, die dem Klimaschutz im Rahmen der Milliarden-Konjunkturprogramme, die in den nächsten Wochen und Monaten geschnürt werden, hohe Priorität einräumen wollen. Es wird nach Corona keine Rückkehr zum Status quo ante geben, vielmehr werden wir einen echten Schub für Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Resilienz der Wirtschaft erleben. Übrigens, aktuelle Studien zeigen: auch die Konsumenten wollen – ungeachtet befürchteter wirtschaftlicher Einbußen – nach Corona im Zweifel nachhaltiger konsumieren als vorher leben.

Carola Jungwirth: Vielen Dank für das Gespräch. 

Weiterführende Links:

https://utopia.de/utopia-insights/utopia-studie-corona-krise-nachhaltigkeit/

https://s3.eu-central-1.amazonaws.com/i.utopia.de/sales/utopiastudie2020.pdf

Dr. Meike Gebhard ist Geschäftsführerin von Utopia.de

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