Loslassen ist die eigentliche Prüfung in der Unternehmensnachfolge – und die am meisten unterschätzte. Warum der Abschied vom Lebenswerk so schwerfällt, was die abgebende Generation dabei durchlebt und wie der Übergang gelingen kann.
„Wenn ich die Wahl hätte, würde ich das Unternehmen am liebsten erst in der Horizontalen verlassen.“ So formuliert es eine 78-jährige Familienunternehmerin – nicht ganz ernst gemeint, aber auch nicht ganz im Scherz. Aus dem Unternehmen ausgestiegene Unternehmer und Unternehmerinnen sitzen mir in einem gemeinsamen Termin gegenüber – ihre formale Abgabe der Geschäftsführung liegt ein paar Monate zurück, das erste Quartal des Jahres ist vorbei. Und im Raum etabliert sich die Erkenntnis, dass jetzt tatsächlich eine ganz neue Phase beginnt. Dass sich das Leben verändert, und zwar ganz grundlegend.
Das ist ein guter Anlass, den Blick auf einen Aspekt der Nachfolge zu richten, über den zwar viel geredet wird – aber zu dem es nur selten offenen Austausch gibt.
Unternehmensnachfolge: mehr als ein Übergabedatum
Wenn in der Öffentlichkeit von „Nachfolgeregelung“ die Rede ist, klingt das strukturiert und beherrschbar: Unternehmensbewertung, Verträge, ein Übergabedatum – fertig.
In der Realität erlebe ich aber, dass der eigentliche Kern des Nachfolgeprozesses ein zutiefst menschlicher ist. Es geht um Identität. Um Verantwortung. Um Kontrolle. Und letztlich um Abschied.
Viele Unternehmerinnen und Unternehmer haben ihr Familienunternehmen über Jahrzehnte aufgebaut. Es ist nicht nur Arbeitsplatz oder Vermögenswert – es ist oft der zentrale Teil der eigenen Lebensgeschichte, das Lebenswerk. Wenn wir also über Loslassen sprechen, sprechen wir über einen tiefgreifenden persönlichen Change, in vielen Fällen eine der wichtigsten biografischen Veränderungen seit Jahrzehnten.
Die schiere Dimension dieser Veränderung wird häufig unterschätzt, und auch, dass die wenigsten Unternehmerpersönlichkeiten darauf vorbereitet sind.
Unternehmer sind es gewohnt, Probleme zu lösen, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu tragen. Über die Jahre haben sie ausreichend Erfahrung gesammelt, um mit neuen Herausforderungen umzugehen. Aber das bewusste Zurücktreten – das Abgeben von Einfluss und Kontrolle – das ist eine ganz andere Kompetenz, eine, die im bisherigen Unternehmerleben kaum trainiert wurde.
Für das Loslassen des eigenen Lebenswerks gibt es schlicht keine Referenzerfahrung.
Wer bin ich ohne mein Unternehmen?
Für viele Unternehmerinnen und Unternehmer war das Unternehmen über Jahrzehnte der zentrale Lebensinhalt. Es blieb oft wenig Zeit für ein Leben außerhalb der Firma. Sie definieren ihren Selbstwert über ihre Rolle als Macher, Arbeitgeber, Entscheider.
Wenn dieser Teil plötzlich kleiner wird oder wegfällt, stellt sich fast automatisch eine existenzielle Frage: Wer bin ich eigentlich ohne diese Rolle?
Diesen wesentlichen Bestandteil des Lebens loszulassen, bedeutet für viele, einen Teil der eigenen Persönlichkeit und des eigenen Lebenssinns aufzugeben. Der gut gemeinte Ratschlag „Endlich können Sie mehr Zeit mit Ihrem Ehepartner und Ihren Enkelkindern verbringen“ bietet selten echte Orientierung, weil viele Unternehmer vorab gar nicht in der Lage sind, den neuen Lebensabschnitt emotional zu erfassen.
Die Angst vor einem Vakuum führt dazu, dass Entscheidungen zur Nachfolge immer wieder vertagt werden – was das Risiko unstrukturierter oder ungeplanter Nachfolgeprozesse erhöht. Dazu kommt: Auch wirtschaftlich steht viel auf dem Spiel. Das Familienunternehmen ist nicht nur Einkommensquelle, sondern oft wesentlicher Bestandteil des Familienvermögens. Die Komplexität steuerlicher und rechtlicher Fragen kann zu gewollten und ungewollten Verzögerungen führen.
Loslassen ist kein einzelner Moment. Es ist ein Prozess. Genau das ist vielen Senior-Unternehmern zunächst gar nicht bewusst.
- Das Thema „Loslassen“ ist auch einer der 49 Impulse im Buch Zu Ihrer Familie gehört ein Unternehmen? – 49 Impulse für Ihren Generationswechsel von Susanne Dahncke und Carola Jungwirth.
Der Schatten-Geschäftsführer: Wenn Loslassen nur auf dem Papier stattfindet
Wenn ich frage, wie es um die Bereitschaft steht, operativ auszusteigen, bekomme ich meist die folgenden Antworten:
- Die eine Gruppe sagt: „Damit habe ich überhaupt kein Problem. Ich freue mich, endlich weniger arbeiten zu müssen.“
- Die andere Gruppe sagt ganz offen: „Ich habe keine Ahnung, wie ich das schaffen soll. Ich arbeite immer noch gerne. Es ist mein Unternehmen.“
- Und dann gibt es eben auch diejenigen, die am liebsten so lange arbeiten würden, bis man sie mit den Füßen nach vorn hinausträgt.
Gerade bei den scheinbar Entspannten werde ich besonders aufmerksam. Denn ich erlebe immer wieder Situationen, in denen der Senior formal zurücktritt, aber weiterhin jede Entscheidung kommentiert oder korrigiert.
Für die nachfolgende Generation entsteht eine schwierige Situation: Sie hat offiziell die Verantwortung, aber im Hintergrund bleibt die Autorität der Vorgängergeneration präsent. Es entsteht ein Schatten-Geschäftsführer.
Greift die „Schattenführung“ spontan in operative Entscheidungen ein, nimmt sie Einfluss auf wichtige Mitarbeiter, spricht sie mit Kunden, kann das die Autorität des Nachfolgers untergraben. Für alle Betroffenen im Umfeld entsteht Unsicherheit darüber, wer tatsächlich entscheidet. Delegation und Verantwortungsübernahme werden gehemmt.
Nicht selten bleiben Unternehmer aus Sorge um den Familienfrieden oder wegen fehlender Absprachen länger im Unternehmen, als es ursprünglich geplant war. Für den Führungsnachwuchs kann das lange Warten auf die Unternehmensübernahme einen Verlust an Energie und Autorität bedeuten – und es blockiert die Gelegenheit, neue unternehmerische Impulse zu setzen.
Das Unternehmen steckt in einer Übergabe fest, die keine ist.
Loslassen ist eine aktive Entscheidung
Einlassen, um loslassen zu können – das fasst die große Aufgabe vielleicht am besten zusammen. Erlauben Sie sich, mit dem eigenen Ausstieg ein Vorhaben umzusetzen, das Sie nicht vollständig kontrollieren können. Es ist unmöglich, jede Eventualität der Nachfolgeregelung vorherzusehen.
In meiner Beratungspraxis empfehle ich Senior-Unternehmern häufig, sich bewusst die Gelegenheit zu geben, einmal echten Abstand zum operativen Geschäft zu bekommen. Das kann eine längere Reise sein, ein zeitlich begrenztes Projekt abseits des Tagesgeschäfts, oder einfach eine klare Zäsur. Ich nenne das manchmal augenzwinkernd den „kalten Entzug“.
Die Erfahrung zeigt: Schrittweises Reduzieren funktioniert in vielen Fällen schlechter als erhofft. Wann immer der Senior noch anwesend ist, fixiert sich die Dynamik auf ihn. Mitarbeiter fallen in alte Muster zurück, fragen „den Chef“, der eigentlich keiner mehr sein soll.
Auch mit Abstand bleiben die Gedanken beim Unternehmen, die Versuchung ist groß, doch noch zum Hörer zu greifen und von außen mitzuregieren.
Loslassen ist nichts Passives – es ist eine aktive Entscheidung. Und die kostet Kraft.
Erwartungen klären – Konflikte vermeiden
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor im Nachfolgeprozess ist Transparenz innerhalb der Unternehmerfamilie. Wenn Erwartungen nicht offen besprochen werden, entstehen Missverständnisse.
Welche Erwartungen meine ich konkret?
- Welche Rolle wird die Seniorgeneration nach der Übergabe noch spielen?
- Die nächste Generation erwartet oft Unterstützung – aber in welcher Form? Und wo braucht sie bewusst Freiraum?
- Wie sichtbar soll die abgebende Generation im Unternehmen bleiben? Viele Senioren erwarten, weiterhin Teil des Ganzen zu sein – aber was bedeutet das für die Führungsdynamik?
- Wie viel Einfluss möchte oder soll die Seniorgeneration noch haben?
- Und ganz konkret: Wann genau ist der verbindliche Zeitpunkt des Ausstiegs?
Werden solche Fragen nie offen gestellt und diskutiert, entstehen diffuse Rollen und implizite Annahmen. Jeder hat für sich ein eigenes Bild davon, was „gesetzt“ ist und wie sich alle Beteiligten den Nachfolgeprozess vorstellen.
Doch ein Abgleich dieser inneren Bilder hat oft nicht stattgefunden. Das kann in kritischen Momenten zu emotional aufgeladenen Auseinandersetzungen führen, in denen man vor allem aneinander vorbei redet. Es lässt sich vermeiden, wenn man vorher darüber spricht, die neuen Rollen ausdrücklich definiert – und verbindliche Ausstiegstermine vereinbart. Dann wissen beide Seiten, woran sie sind.
Mehr zum Thema „Loslassen“ auch in der aktuellen Episode von Family Business Time, dem Podcast für Familienfrieden im Familienunternehmen, auf Spotify und Apple Podcasts oder direkt hier:
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
‚
Die neue Rolle nach der Unternehmensübergabe bewusst gestalten
Ich empfehle Unternehmerfamilien deshalb, die neue Rolle der abgebenden Generation wirklich klar zu definieren. Manche Unternehmer gehen in den Beirat. Andere übernehmen repräsentative Aufgaben oder engagieren sich stärker in Stiftungen, Verbänden oder neuen Projekten. Wieder andere finden Erfüllung in einer Mentorenrolle – für die eigene Familie, aber auch für andere Unternehmer und Unternehmerinnen.
Wichtig ist nur, dass diese Rollen nicht dazu dienen, aus der zweiten Reihe doch wieder in alter Manier Einfluss auf operative Entscheidungen zu nehmen. Wenn ich den Wunsch höre, in einen Beirat einzutreten, höre ich deshalb genau hin: Geht es darum, Erfahrung einzubringen? Oder ist das ein Hintertürchen, um weiterhin Kontrolle auszuüben?
Entscheidend ist, dass die neuen Rollen als gleichwertig sinnstiftend erlebt werden – nicht als Ersatzprogramm. Der Aufbau von Aktivitäten außerhalb des Unternehmens unterstützt die Entwicklung eines neuen Selbstbilds. Nicht als „ehemaliger Chef“, sondern als Mensch im nächsten Kapitel. In der Praxis fällt die Unternehmensübergabe nachweislich leichter, wenn die Übergebenden schon vorher eine neue Lebensaufgabe für sich gefunden haben.
Vertrauen als Schlüssel zum Loslassen
Die NextGen wird Dinge anders machen – und das ist auch gut so. Jede Generation führt ein Unternehmen in einem anderen Kontext. Märkte verändern sich. Technologien entwickeln sich weiter. Führungsstile wandeln sich. Nachfolge im Familienunternehmen bedeutet nicht, das Unternehmen exakt so weiterzuführen wie zuvor.
Wenn ich als Seniorin oder Senior wirklich vertraue, kann ich mich ein Stück zurücklehnen. Ich kann beobachten: Es läuft auch ohne mich. Dieses Vertrauen baut sich auf, indem die nachfolgende Generation schrittweise Verantwortung übernimmt und zeigt, dass sie in der Lage ist, das Unternehmen zu führen – auf ihre eigene Art. Je mehr Zutrauen sie bekommen, desto kraftvoller können sie für das Familienunternehmen wirken.
Wenn es der Seniorgeneration gelingt, ihren Fokus nicht nur auf das eigene Loslassen zu richten, sondern auch auf das Vertrauen in die nächste Generation, entsteht oft etwas Schönes: Stolz. Stolz auf das eigene Lebenswerk – und darauf, dass es von der eigenen Familie weitergeführt wird.
Wenn Sie als Inhaberfamilie eine gemeinsame Inhaberstrategie erarbeitet, sich über Ihre Werte verständigt und eine gemeinsame Vision darüber erstellt haben, wo das Unternehmen in zehn Jahren stehen soll, leisten Sie einen wertvollen Beitrag für die abgebende Generation im Prozess des Loslassens. Diese gemeinsame Ausrichtung verringert die Angst, sich zukünftig nicht mehr mit dem Unternehmen identifizieren zu können. Und sie gibt der Senior-Generation das Vertrauen, die Zukunft des Unternehmens in guten Händen zu wissen.
Den Abschied vom Lebenswerk bewusst würdigen
Einen Punkt möchte ich noch ansprechen, weil er in der Praxis oft unterschätzt wird: Wertschätzung.
Viele Unternehmer wünschen sich zunächst einen eher leisen Abschied. Aber ich erlebe immer wieder, wie wichtig es ist, das Geleistete sichtbar zu würdigen. Ein Unternehmer aus einer Unternehmerfamilie, die ich begleite, wirkte zunächst völlig unbeteiligt, als seine eigene Verabschiedung vorbereitet wurde. Aber als ihm die nächste Generation einen konkreten Plan für eine Abschiedsfeier präsentierte, war sehr deutlich zu spüren, wie sehr ihn diese Wertschätzung berührt hat.
Gestalten Sie diesen Übergang bewusst. Sprechen Sie darüber – in der Familie, mit vertrauten Menschen oder auch mit einem externen Sparringspartner. Nehmen Sie sich Zeit dafür und teilen Sie Ihrer Familie mit, wie es Ihnen mit dem Loslassen ergeht. Und feiern Sie, was geschaffen wurde. Das ist nicht nur schön – es hilft auch beim Loslassen.
Denn Loslassen bedeutet nicht Verlust, sondern den Übergang in eine neue Rolle. Gerne unterstütze und begleite ich Sie bei dieser Veränderung: Jetzt unverbindliches Erstgespräch vereinbaren.
Lesen Sie auch:


