„Erbvorgänge der Vorerben werden weiter vererbt“, so Dr. Bernd LeMar. In einem informativen Austausch mit dem Coach und Psychologen konnte ich Wissenswertes über die Psychologie des Gebens und Nehmens beim Erben und Vererben sowie deren Auswirkungen in Unternehmerfamilien erfahren. Lesen Sie selbst:

Carola Jungwirth: Warum ist das Thema „Vererben“ auch beim Generationswechsel in Familienunternehmen relevant? 

Bernd LeMar: Im Zuge eines Generationswechsels im Familienunternehmen kommt es nicht nur zu einem Führungswechsel, sondern auch zu einem Vermögenswechsel. Die Seniorengeneration vererbt etwas, das heißt, sie gibt etwas, und die Juniorengeneration erbt etwas, das heißt, sie nimmt etwas.Dieser Vorgang des Gebens und Nehmens enthält oft psychologisch unvorhergesehene Entwicklungen. Darauf angemessen zu reagieren, ohne dass dadurch ein größerer Konflikt entsteht, ist eine Herausforderung für die Beteiligten.

Carola Jungwirth: Welche Bedeutung hat „Geld“ in diesem Zusammenhang für Familienunternehmen?

Bernd LeMar: Die Verbindung familiärer und geldlicher Themen ist das Spezifikum von Familienunternehmen. Das gemeinsame Vermögen hat dabei die Funktion eines Bindemittels. Viele Familienmitglieder hätten wahrscheinlich keine Verbindung untereinander, wären da nicht die mit dem Geld verbundenen Interessen und individuellenBedürfnisse. Es sind dann nicht nur die rational vorgetragenen Interessen von Bedeutung, sondern vielmehr diese unterschiedlichen Bedürfnisse. Somit ist das Geld ein starker gemeinsamer Bezugspunkt.

Carola Jungwirth: Was macht die Vermögensnachfolge trotz dieses Bindemittels in Familienunternehmen dennoch so konfliktanfällig?

Bernd LeMar: Beim Generationswechsel auf einer numerischen Ebene Gerechtigkeit herzustellen, ist schwer möglich. Bewertungsfragen in Begriffen wie Buch- und Verkehrswert lassen viel Spielraum zu. Und Gleichheit ist nicht gleichbedeutend mit Gerechtigkeit. Erbauseinandersetzungen sind daher die häufigste Ursache für aufbrechende Konflikte in Familienunternehmen. Im Zuge von Erbvorgängen können über Jahre schwelende Konflikte aufbrechen. Zur Konfliktverleugnung gehören Schönfärberei und eine unrealistische Einschätzungen von Sachverhalten oder Personen.

Carola Jungwirth: Auch wenn in Konflikten die Chance für Veränderung und Entwicklung liegen, wäre es ja wünschenswert, statt dieses steinigen Weges einen präventiven Weg einzuschlagen. Wie lassen sich diese Konflikte Ihrer Meinung nach vermeiden?

Bernd LeMar: Die Regelung der Vermögensnachfolge wird oft leider immer noch weitgehend von der Steuer- und Rechtsthematik überlagert, sodass der Blick auf die menschliche Dimension zu kurz kommt. Die Frage „Was geschieht eigentlich beim Erben auf der seelischen Ebene?“ geht meistens unter.

Carola Jungwirth: Was geschieht denn auf der seelischen Ebene beim Erben?

Bernd LeMar: Erbvorgänge stellen oft eine große Herausforderung für eine Familie dar.

Es scheint, als ob ein aktueller Erbvorgang stets auch die Emotionen vorheriger Erbvorgänge einer Familie wieder hochspült, insbesondere wenn Ungleichbehandlungen stattfinden: Die vermeintliche Benachteiligung eines Familienmitglieds trägt sich wie eine Erblast in zukünftige Generationen dieses Familienzweiges fort. Wer Geld erbt, ist gut beraten, sich mit der Geschichte des geerbten Geldes zu beschäftigen. Mit diesem ist seine Herkunft und Entstehung verbunden. Wenn es zum Beispiel mit großen Entbehrungen der Eltern verbunden ist, erbt man auch die Geschichte der Entbehrungen. Daher ist es nicht so einfach, mit geerbtem Geld eine gute Beziehung aufzunehmen. Und wenn das Erbe  zusätzlich noch mit zukünftigen Verpflichtungen verbandelt ist, wird es zum belastenden Fremdkörper. Erblasten sind dann Altlasten.

Carola Jungwirth: Wie können sich diese Altlasten in Familien und ihrem Unternehmen auswirken? 

Bernd LeMar: Die daraus resultierenden Konflikte können eine konkrete Gefährdung für das Familienunternehmen darstellen. In Unternehmerfamilien kommt es oft vor, dass sich vieles um die Firma und um das Geld dreht. Bei manchen Nachfolgern entsteht so das Bild, dass die Firma den Eltern schon immer wichtiger war als die unmittelbare Liebe zum Kind. So kann sich im Unterbewusstsein des Nachfolgers eine Verknüpfung von Vermögen und Liebe entwickeln. Ein  Anteilseigner erwartet dann zum Beispiel  von den anderen Gesellschaftern die nicht erhaltene Liebe von der Elterngeneration zu erhalten, in Form von emotionalen Zuwendungen. Er oder sie will von den Anderen gesehen und gehört werden und erzwingt auf diese Weise viel Aufmerksamkeit. Dadurch wird sich eine wirkliche Zufriedenheit nicht einstellen, weil das Liebesloch so nicht aufgefüllt werden kann. Die Verwechslung von Geld und Liebe kann im Rahmen eines Coachings bewusst werden. So kann das Erbe auf einer realistischen Ebene, ohne Altlasten wahrgenommen werden.

Carola Jungwirth: Wie lassen sich Erbauseinandersetzungen aus Ihrer Sicht am besten vorbeugen?

Bernd LeMar: In Erbauseinandersetzungen wird viel geredet. Alle haben das Gefühl, dass ihnen als Individuum mit ganz persönlichen Wünschen und Bedürfnissen nicht ausreichend entsprochen wird. So kommt es, dass  oft der juristische Weg beschritten wird, um die vermeintliche Interessenswahrung durchzusetzen. Die langen Schriftsätze der Anwälte sind eine geeignete Ablenkung von den tieferliegenden Emotionen in dieser Auseinandersetzung. Man kann bei Erbauseinandersetzungen beobachten, dass jeder auf den anderen schaut, und nicht auf sich selbst. Das hat einen hohen Ablenkungsnutzen, denn so umgeht man den Blick auf die eigenen Emotionen. Es gibt – so sehr es auch nicht wahrgenommen werden will –  eine eigene Beteiligung an dem Erbkonflikt. Diese eigene Beteiligung, die Wahrnehmung des Erbes auf einer realistischen Ebene und der passende Umgang mit Geld – das sind Fragen, die in einem persönlichen Coaching herausgearbeitet und geklärt werden können.

Carola Jungwirth: Haben Sie vielen Dank für diesen informativen Austausch.

Dr. Bernd LeMar hat zu diesem Thema in seinem Buch „Generations- und Führungswechsel in Familienunternehmen“ Springer, 2. Aufl. 2014 ein Kapitel verfasst.

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