Erbvorgänge stellen oft eine große Herausforderung für die Familie dar. Es scheint, als ob ein aktueller Erbvorgang stets auch die Emotionen vorheriger Erbvorgänge einer Familie wieder hochspült, insbesondere wenn Ungleichbehandlungen stattfinden: Die vermeintliche Benachteiligung eines Familienmitglieds trägt sich wie eine Erblast in zukünftige Generationen dieses Familienzweiges fort. Ein Gast-Beitrag über die Psychologie des Gebens und Nehmens beim Erben und Vererben von Dr. Bernd LeMar.

„Erbvorgänge der Vorerben werden weiter vererbt“, schreibt der Coach und Psychologe Dr. Bernd LeMar. In Unternehmerfamilien können die daraus resultierenden Konflikte eine konkrete Gefährdung für das Familienunternehmen darstellen.

Fragestellungen für die Erben

Goethe hilft in vielen Lebenslagen, dazu der vielzitierte Spruch: „Was du ererbst von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen“. Dies wirft folgende Fragen auf:

  • Wie mache ich mir das Ererbte zu Eigen?
  • Welchen Prozess muss ich durchlaufen, damit es meines wird?
  • Was ist für mich der Unterschied von geerbtem und selbstverdientem Geld?
  • Wie sind die vorangegangenen Generationen mit Geld umgegangen?

Wer ein Erbe angenommen hat, kommt nicht umhin, sich mit dem zu beschäftigen, was Goethe beschreibt mit „…erwirb es, um es zu besitzen“. Leitlinien für diesen Vorgang sind die oben formulierten Fragen.

Wer Geld erbt, ist gut beraten, sich mit der Geschichte des geerbten Geldes zu beschäftigen. Mit diesem ist seine Herkunft und Entstehung verbunden. Wenn es z.B. mit großen Entbehrungen der Eltern verbunden ist, erbt man auch die Geschichte der Entbehrungen. Daher ist es nicht so einfach, mit geerbtem Geld eine gute Beziehung aufzunehmen. Und wenn das Erbe  zusätzlich noch mit zukünftigen Verpflichtungen verbandelt ist, wird es zum belastenden Fremdkörper. Erblasten sind dann Altlasten, und wenn sie als solche nicht erkannt und behandelt werden, wirken sie sich subtil als Überlastung aus.

Verwechslung von Geld und Liebe

Die Verwechslung von Geld und Liebe findet in unsere Gesellschaft häufig statt. Oftmals werden teure Geschenke gemacht, um Liebesdefizite und das damit verbundene schlechte Gewissen auszugleichen. In Unternehmerfamilien kann es vorkommen, dass sich vieles um die Firma und um das Geld dreht. Bei manchen Nachfolgern entsteht so das Bild, das die Firma den Eltern schon immer wichtiger war als die unmittelbare Liebe zum Kind. So kann sich im Unterbewusstsein des Nachfolgers eine Verknüpfung von Geld und Liebe entwickeln. Jahrzehnte später wird mit diesem ererbten Geld dann eine Befriedung von nicht erhaltener Liebe unbewusst erwartet. Eine wirkliche Zufriedenheit wird sich jedoch nicht einstellen. Dieses kann erreicht werden, wenn im Rahmen eines Coachings die Verwechslung von Geld und Liebe bewusst werden kann und das Erbe auf einer realistischen Ebene wahrgenommen wird.

Erbengemeinschaften

Geht das Erbe auf mehrere Personen – eine Erbengemeinschaft – über, so ist bekannt, dass in vielen Fällen wenig gemeinschaftliches Verhalten, sondern eher „gemeines Verhalten“ zu beobachten ist.

Wie schon ausgeführt, enthält ein Erbe oft auf der unbewussten Ebene ungeklärte Altlasten. Diese werden in der Regel nicht gleich auf alle Beteiligten einer Erbengemeinschaft verteilt, sondern treffen einen  Geschwisterteil oder Cousin/Cousine in besonderer Weise – im Sinne eines Sündenbocks. Sein oder ihr Verhalten ist dann für die anderen der Stein des Anstoßes. Scheinbar völlig unangepasste überzogene Forderungen lösen eine moralische Entrüstung bei den anderen Erben aus. Dieses erschwert einen tieferen Erkenntnisprozess. Ohne professionelle Begleitung wird eine Klärung schwer gelingen.

Stattdessen wird in langwierigen Prozessen ein Teil des Erbes für Rechtanwalts- und Gerichtskosten aufgerieben. Zurück bleiben zerrüttete Familien, die sich an dem verbleibenden Vermögen nicht mehr richtig erfreuen können. Eine Lösung liegt im Einsatz geeigneter Methoden, wie zum Beispiel Organisationsaufstellungen.

Der Lösungsweg

In Erbauseinandersetzungen wird viel geredet. Alle haben das Gefühl, dass ihnen nicht ausreichend zugehört wird. Für die weitere Interessenwahrung wird dann oft der juristische Weg beschritten. Die langen Schriftsätze der Anwälte sind eine geeignete Ablenkung von den tieferliegenden Emotionen in dieser Auseinandersetzung.

Man kann bei Erbauseinandersetzungen beobachten, dass jeder auf den anderen schaut, und nicht auf sich selbst. Das hat einen hohen Ablenkungsnutzen, denn so umgeht man den Blick auf die eigenen Emotionen. Es gibt – so sehr es auch nicht wahrgenommen werden will –  eine eigene Beteiligung an dem Erbkonflikt. Dafür steht die Redensart: „Ein Holzscheid allein brennt nicht“.

Diese eigene Beteiligung, die Wahrnehmung des Erbes auf einer realistischen Ebene und der passende Umgang mit Geld – das sind Fragen, die in einem persönlichen Coaching herausgearbeitet und geklärt werden können.

 

Dr. Bernd LeMar

Dr. Bernd LeMar hat zu diesem Thema in seinem Buch „Generations- und Führungswechsel in Familienunternehmen“ Springer, 2. Aufl. 2014 ein  eigenes Kapitel verfasst (S. 197 – 226).

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