Mit der Corona-Pandemie wird sichtbar, was in unserer Welt funktioniert und was nicht. Deutlich zeigt sich, dass die Unternehmen die Krise besser meistern, die auf Nachhaltigkeit setzen. Familienunternehmen haben das nachhaltige Wirtschaften seit jeher auf ihre Fahne geschrieben. Doch sie setzen nicht nur aus Tradition auf Nachhaltigkeit. Vielmehr haben sie die Zeichen der Zeit erkannt und investieren aus Überzeugung in nachhaltige Produkte und Prozesse.

Im Interview mit Dr. Meike Gebhard, Geschäftsführerin von Utopia.de, Deutschlands führendem Nachhaltigkeitsportal, und Expertin für unternehmerische Nachhaltigkeitsstrategien, diskutiere ich über die Relevanz von Nachhaltigkeit in Familienunternehmen.

Carola Jungwirth: Wie geht es Ihrem Unternehmen in Zeiten von Corona?

Meike Gebhard: Utopia geht es vergleichsweise gut. Als digitales Unternehmen können wir unser Geschäft relativ reibungslos weiterbetreiben. Zudem freuen wir uns gerade über große Reichweitenzuwächse. Allein im April haben 10 Millionen Menschen unser Portal besucht. Dies liegt zum einen an der gestiegenen Internetnutzung insgesamt seit Beginn der Pandemie, zum anderen an unserem Thema Nachhaltigkeit.

Carola Jungwirth: Neben dem Betreiben des Utopia-Online-Portals beraten Sie Unternehmen zum Thema Nachhaltigkeitsstrategie und -kommunikation. Was sind Ihre diesbezüglichen Erfahrungen mit Familienunternehmen?

Meike Gebhard: Viele Familienunternehmen agieren schon seit Jahrzehnten nachhaltig – ohne es zwingend so zu benennen. Der respektvolle Umgang mit Lieferanten, Mitarbeiter und Partnern, der schonende Umgang mit Ressourcen und der lokale Umweltschutz werden als selbstverständlicher Teil der unternehmerischen Verantwortung interpretiert und gelebt. Im Unterschied zu großen, kapitalmarktorientierten Unternehmen kommunizieren Familienunternehmen aber weniger über ihr Nachhaltigkeitsengagement und lassen damit Chancen, sich im Wettbewerb zu profilieren und Reputation aufzubauen, ungenutzt.

Carola Jungwirth: Haben Sie eine Vorstellung, woran das liegen könnte?

Meike Gebhard: Die Gründe sind vielschichtig. Zum einen ist Nachhaltigkeit für viele Unternehmer, wie gesagt, fast eine Selbstverständlichkeit. Zum anderen unterliegen kleinere, nicht kapitalmarktorientierte Unternehmen nicht der CR-Berichtspflicht, sind also nicht gezwungen, ein systematische Nachhaltigkeitsmanagement aufzusetzen und über wesentliche Kennzahlen zu berichten. In der Regel werden von einigen Mitarbeiter ausgewählte Projekte mit großem Engagement vorangetrieben. Es fehlt aber oft die strategische und die kommunikative Klammer. Daraus resultiert eine große Unsicherheit, worüber glaubwürdig kommuniziert werden kann. Um sich nicht dem Vorwurf des Greenwashings auszusetzen, unterbliebt dann die Kommunikation.

Carola Jungwirth: Woraus resultiert nach Ihrer Einschätzung das Nachhaltigkeitsbewusstsein in Familienunternehmen?

Meike Gebhard: Anders als große Unternehmen sind Familienunternehmen stärker auf Langfristigkeit ausgerichtet. Nachhaltigkeit bedeutet ja im Kern Dauerhaftigkeit und Zukunftsfähigkeit. Das ist nach meinem Verständnis das Wesen von Familienunternehmen. Vereinfacht gesprochen: Wer in seiner Region ein hoch respektierter Unternehmer sein will, verschmutzt eben nicht das lokale Gewässer.

Carola Jungwirth: Wo macht sich Nachhaltigkeit bei Familienunternehmen nach Ihrer Meinung besonders bemerkbar? Gibt es einen Unterschied zu sonstigen Unternehmen?

Meike Gebhard: Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Insgesamt stelle ich fest, dass Familienunternehmen sich durch langfristige Beziehungen zu ihren Lieferanten und Partnern auszeichnen. Entsprechend registriere ich auch bei komplexen, globalen Lieferketten (z.B. in Textilbranche) einen verantwortungsvolleren Umgang mit Lieferanten. Die Achtung der Menschenrechte, die Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards genießen einen höheren Stellenwert als bei anderen Unternehmen.

Carola Jungwirth: In vielen Familienunternehmen stehen Generationswechsel auf der Führungsebene an. Die sogenannte NextGen ist bereit, das Steuer zu übernehmen. Wie nehmen Sie die Bedeutung des nachhaltigen Wirtschaften für die jüngere Generation wahr?

Meike Gebhard: Aus einschlägigen Studien wissen wir, dass sowohl für junge Konsumenten als auch für junge Unternehmer das Thema Nachhaltigkeit zunehmend an Bedeutung gewinnt. Konsumstile verändern sich – und mit Ihnen auch die Ansprüche an das eigene Arbeitsumfeld. Zudem wird immer mehr Unternehmen klar, dass langfristig an der Nachhaltigkeit wie an der Digitalisierung kein Weg vorbeiführen wird, weil sich Märkte verändern.

Carola Jungwirth: Wird durch die Corona-Krise die Entwicklung zu einem nachhaltigeren Wirtschaften beeinträchtigt?

Meike Gebhard: Durch die Corona-Krise und die zu erwartende Rezession wird das Thema Nachhaltigkeit auf der öffentlichen Agenda kurzfristig an Bedeutung verlieren, aber der grundsätzliche Trend in Richtung Nachhaltigkeit ist – auch angesichts der Herausforderungen der Klimakrise – unumkehrbar. Inzwischen mehren sich die politischen Stimmen auf Bundes- wie auf EU-Ebene, die dem Klimaschutz im Rahmen der Milliarden-Konjunkturprogramme, die in den nächsten Wochen und Monaten geschnürt werden, hohe Priorität einräumen wollen. Es wird nach Corona keine Rückkehr zum Status quo ante geben, vielmehr werden wir einen echten Schub für Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Resilienz der Wirtschaft erleben. Übrigens, aktuelle Studien zeigen: auch die Konsumenten wollen – ungeachtet befürchteter wirtschaftlicher Einbußen – nach Corona im Zweifel nachhaltiger konsumieren als vorher leben.

Carola Jungwirth: Vielen Dank für das Gespräch. 

Weiterführende Links:

https://www.horizont.net/marketing/nachrichten/accenture-studie-wie-die-corona-krise-ethischen-und-digitalen-konsum-foerdert-182790

https://utopia.de/utopia-insights/utopia-studie-corona-krise-nachhaltigkeit/

https://s3.eu-central-1.amazonaws.com/i.utopia.de/sales/utopiastudie2020.pdf

Dr. Meike Gebhard ist Geschäftsführerin von Utopia.de

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