Im Zuge der zahlreichen anstehenden Generationswechsel in Familienunternehmen fällt auf, dass sich die geschwisterliche Doppelspitze großer Beliebtheit erfreut. Ein guter Anlass, dieses besondere Führungsmodell etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Was genau ist gemeint, wenn von einer unternehmerischen Doppelspitze im Allgemeinen gesprochen wird?  Ich verstehe darunter die gleichrangige Besetzung von zwei Familienmitgliedern – in unserer heutigen Betrachtung eben von zwei Geschwistern – auf der höchsten Entscheidungsebene des Unternehmens. Natürlich sind Konstellationen der Doppelspitze auch in anderen Varianten zwischen Familienmitgliedern denkbar. Zum Beispiel zwischen Cousins und Cousinen oder Tanten/Onkel und Nichten/Neffen.

Hier steht die Variante der geschwisterlichen Doppelspitze im Fokus.

Ganz wichtig in diesem Zusammenhang: Es geht dabei um das Verwandtschaftsverhältnis, das hier im Vordergrund steht, nicht die Geschlechter-Konstellation. Der folgende Text betrifft Schwestern oder Brüder untereinander als auch gemischte Geschwister-Varianten gleichermaßen.

Viele Vorteile der Doppelspitze

Betrachtet man die Doppelspitze zunächst abstrakt, dann sind die Vor- und Nachteile dieses Führungsmodells schnell genannt:

Die Doppelspitze bietet unbestritten viele Vorteile, die für sie sprechen:

Das Vier-Augen-Prinzip steht für eine doppelte Kontrolle und bietet damit mehr Sicherheit für das Unternehmen. Die Doppelspitze ermöglicht eine gegenseitige Stellvertretung und stärkt damit die Handlungsfähigkeit des Unternehmens.

Das Teilen der Verantwortung  ist ein weiterer Vorteil der Doppelspitze, der den Führenden helfen kann, Entscheidungen noch reflektierter treffen zu können. Hinzu kommt, dass die vorhandenen Kompetenzen in der Geschäftsführung im besten Fall verdoppelt werden.

Nachteile wiegen schwer

Kommen wir zu den Nachteilen. Das sind vielleicht nicht so viele, diese wiegen aber meines Erachtens nicht unerheblich. Eine Doppelspitze bringt einen hohen Abstimmungsbedarf mit sich. Das ist die Kehrseite der geteilten Verantwortungs- und Entscheidungslast. Sich abzustimmen, ist ja per se nichts Negatives. Hier geht es um den Zeitaufwand, den das zur Folge haben kann. Und vor allem auch um den Energieaufwand, den Abstimmungsprozesse kosten. Insbesondere dann, wenn eine Einigung nicht einfach zu finden ist. Doppelspitze bedeutet Augenhöhe. Dafür ist das Finden einer einvernehmlichen Lösung unabdinglich.  enn sich die Führenden nicht einigen können. Dann entsteht eine Patt-Situation, die im schlimmsten Fall ein Unternehmen bis in die Handlungsunfähigkeit treiben kann.

Geschwister-Variante als Brennglas

Legt man die geschwisterliche Variante der Doppelspitze wie eine Matrix über die Vor- und Nachteile dieses Führungsmodells, dann werden die Eigenarten der Doppelspitze wie durch ein Brennglas noch einmal verstärkt.

Gut miteinander auskommende Geschwister schätzen den Austausch miteinander. Ihnen macht der erhöhte Abstimmungsbedarf im Zweifel weniger aus und sie sind auch grundsätzlich in der Lage, Einvernehmen zu erzielen. Mal lenkt der eine ein. Mal lässt sich die Andere von den Argumenten des Gegenübers überzeugen.

Anders mag es aussehen, wenn sich die Geschwister von je her nicht gut verstehen. Vielleicht ist ihr Verhältnis sogar von Neid, Eifersucht oder Missgunst geprägt. Dann verlaufen Abstimmungsprozesse viel zäher ab. Es besteht vielleicht sogar die Gefahr, dass nicht nur sachliche Gründe für eine andere Sicht entscheidend sind, sondern persönliche, aus dem geschwisterlichen Verhältnis resultierende. Nach dem Motto: „Du hast immer schon das bekommen, was du wolltest. Das ertrage ich nicht und bin schon allein deswegen gegen Deinen Vorschlag.“

Wenn so eine Situation eintritt, dann ist die Gefahr, sich nicht zu einigen, viel größer als bei sonstigen Doppelspitzen, die nicht miteinander verwandt sind. Dann kann es emotional werden, und alte Konflikte, die eigentlich in den familiären und nicht in den unternehmerischen Kontext gehören, beeinträchtigen das unternehmerische Miteinander und die Entscheidungsprozesse im Familienbetrieb.

Was ist die wahre Motivation für die geschwisterliche Doppelspitze?

Es ist daher ratsam, sich zu überlegen, ob die Doppelspitze in der geplanten Personen-Konstellation das beste Führungsmodell für das Unternehmen ist. Wenn sich Geschwister persönlich nicht gut verstehen, dann muss das kein Ausschluss-Kriterium für die geschwisterliche Doppelspitze sein. Gegensätze können sich auch gut ergänzen. Wichtig ist dann, dass sich die Geschwister im Umgang miteinander so professionalisieren, dass sie in der Lage sind, unternehmerischen Entscheidungen im besten Sinne für das Unternehmen und nicht aufgrund von persönlichen Animositäten treffen. Dieser professionelle Anspruch gilt natürlich für jede Doppelspitze, nicht nur für die Geschwisterliche. Nur für die ist die Herausforderung, diese Professionalität auch einzuhalten, aufgrund ihrer persönlichen Beziehung ungleich größer.

Weiterhin ist es wichtig, ehrlich zu betrachten, warum sich für die geschwisterliche Doppelspitze entschieden wird. Sind es ausschließlich unternehmerische Gründe? Oder spielt eventuell auch die Befürchtung, die Familienharmonie durch die Nachfolge-Entscheidung zu gefährden, eine Rolle? Immerhin müsste bei einer Auswahl einem Kind eine Art Absage erteilt werden. Für Eltern keine angenehme Situation. Für die Kinder auch nicht. Dann wird nicht immer die für das Unternehmen beste und professionellste Lösung gewählt.

Fazit: Die Entscheidung für eine geschwisterliche Doppelspitze sollte gut und ehrlich durchdacht werden. Nur dann kann dieses Führungsmodell seine vielen Vorteile zur Geltung bringen.

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